Seit 2021 engagieren sich der Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt, Revier Göritz, und der Naturpark Fläming e. V. gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen für die Entwicklung vielfältiger und widerstandsfähiger Wälder. Bei den regelmäßig stattfindenden Waldretteraktionen werden Bäume gepflanzt, Saatgut ausgebracht und konkrete Maßnahmen des Waldumbaus praktisch umgesetzt.
Dabei geht es nicht darum, einen Wald vollständig neu anzulegen. Vielmehr werden natürliche Prozesse gezielt unterstützt und dort ergänzt, wo wichtige Baumarten fehlen oder sich nicht ausreichend von selbst ansiedeln können. Die mehrjährige Zusammenarbeit ermöglicht es außerdem, bereits bearbeitete Flächen erneut aufzusuchen und ihre Entwicklung zu beobachten. Teilnehmende können so erleben, was aus den früher gepflanzten Bäumen oder ausgebrachten Samen geworden ist.
Naturverjüngung und gezielte Unterstützung
Die Grundlage für die nächste Waldgeneration bildet in vielen Beständen die Naturverjüngung. Samen vorhandener Bäume fallen auf den Waldboden, keimen und wachsen unter den jeweiligen Standortbedingungen heran. Diese natürliche Entwicklung wird bei den Waldretteraktionen durch Pflanzungen oder Direktsaaten ergänzt.
Auf diese Weise entsteht ein gemischter Bestand aus Bäumen, die sich von selbst angesiedelt haben, und gezielt eingebrachten Baumarten. Werden beispielsweise Buchen oder Eichen in einen bestehenden Kiefernbestand gepflanzt oder gesät, bilden sie zunächst kleine Laubwaldinseln – gewissermaßen kleine Inseln in einem großen Kiefernmeer. Von diesen Inseln aus können sich die Baumarten später weiter ausbreiten. Gleichzeitig entstehen neue Trittsteine und Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Ziel ist kein vollständig durchgeplanter Wald, sondern ein vielfältiges Mosaik aus unterschiedlichen Baumarten, Altersstufen und Strukturen.
Mehr Baumarten bedeuten eine bessere Risikoverteilung
Große Reinbestände aus nur einer Baumart sind gegenüber bestimmten Störungen besonders anfällig. Trockenheit, Hitze, Stürme, Krankheiten oder spezialisierte Schädlinge können viele Bäume gleichzeitig treffen.
In einem Mischbestand verteilt sich dieses Risiko auf mehrere Baumarten. Fällt eine Art aus, können andere Arten einen Teil ihrer Funktionen übernehmen. Sie erhalten beispielsweise die Beschattung des Bodens, bremsen dessen Austrocknung und tragen dazu bei, das kleinräumige Waldklima aufrechtzuerhalten.
Auch Schädlinge finden in Mischbeständen weniger durchgehende Angriffsflächen. Ein auf Kiefern spezialisierter Schädling wie der Kiefernspinner trifft in einem reinen Kiefernbestand nahezu überall auf geeignete Wirtsbäume. Wird dieser Bestand durch Laubbäume und andere Baumarten unterbrochen, verringert sich das zusammenhängende Nahrungsangebot.
Mehr Baumarten bedeuten außerdem mehr Strukturen. Unterschiedliche Kronenformen, Rinden, Blätter, Blüten und Früchte schaffen verschiedene Nahrungsangebote und Aufenthaltsräume. Mit zunehmendem Alter können sich an den Bäumen Spalten, Höhlen und andere Strukturen entwickeln, die Vögeln, Fledermäusen und Insekten als Brut- und Rückzugsorte dienen.
Ein dichteres und stärker gegliedertes Kronendach erhöht zudem die Aufenthaltsqualität für Menschen. Schatten und Verdunstung sorgen dafür, dass es im Wald an heißen Tagen spürbar kühler bleibt als auf offenen Flächen.
Dabei soll nicht jede freie Stelle vollständig bewaldet werden. Offene Bereiche mit Heidekraut und einem leichten Heidecharakter können ebenfalls einen landschaftlichen und ökologischen Wert besitzen. Nachhaltige Waldentwicklung bedeutet daher auch, unterschiedliche Lebensräume zu erkennen, zu erhalten und sinnvoll miteinander zu verbinden.
Direktsaat als Ergänzung zur Pflanzung
Während bei früheren Waldretteraktionen vor allem junge Bäume gepflanzt wurden, setzen wir bei der nächsten Aktion auf die Direktsaat. Dabei werden Eicheln und Kastanien unmittelbar in den Waldboden eingebracht.
Diese Methode kommt der natürlichen Verjüngung besonders nahe. Der Keimling wächst von Anfang an an seinem späteren Standort und kann sein Wurzelwerk unmittelbar an die vorhandenen Boden-, Feuchtigkeits- und Lichtverhältnisse anpassen. Anders als ein in einer Baumschule vorgezogener Baum muss er nicht ausgegraben, transportiert und erneut eingepflanzt werden. Dadurch entfallen mögliche Wurzelverletzungen und der sogenannte Verpflanzungsschock.
Die Direktsaat kann zudem kostengünstiger und mit weniger Materialaufwand verbunden sein als die Pflanzung junger Bäume. Auf einer Fläche lässt sich eine größere Zahl von Samen ausbringen. Daraus können zahlreiche Sämlinge mit unterschiedlichen genetischen Eigenschaften entstehen. Diese genetische Vielfalt erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest ein Teil der jungen Bäume mit den zukünftigen Standort- und Klimabedingungen zurechtkommt.
Allerdings wird nicht aus jedem Samen ein Baum. Der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab: von der Herkunft und Qualität des Saatguts, vom Kontakt zum Waldboden, von Temperatur und Niederschlag, von konkurrierender Vegetation sowie vom Fraß durch Mäuse, Wildschweine oder andere Tiere. Deshalb müssen auch Saatflächen über mehrere Jahre beobachtet und bei Bedarf gepflegt werden.
Die Roteiche als fachlich abgewogene Mischbaumart
Bei der nächsten Waldretteraktion werden Roteichen und Esskastanien gesät. Die aus Nordamerika stammende Roteiche wird naturschutzfachlich durchaus kontrovers diskutiert. Sie kann heimische Eichenarten nicht ersetzen, denn diese bieten zahlreichen spezialisierten Tierarten Nahrung und Lebensraum.
Auf geeigneten forstlichen Flächen kann die Roteiche dennoch eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie gilt als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber Hitze und Trockenheit, wächst in ihrer Jugend schnell und ist gegenüber einigen Schädlingen weniger anfällig als heimische Eichenarten. In Kieferngebieten wird sie außerdem bereits seit Jahrzehnten als Bestandteil von Waldbrandschutzstreifen eingesetzt.
Entscheidend sind der Standort, der Umfang und die Art der Einbringung. Die Roteiche soll keinen neuen Reinbestand bilden, sondern die vorhandene Baumartenpalette gezielt ergänzen. Die Auswahl der Flächen und Baumarten erfolgt deshalb unter fachlicher Begleitung des Landesforstbetriebes.
Nachhaltigkeit bedeutet auch Beteiligung und Bildung
Die Waldretteraktionen verbinden ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte der Nachhaltigkeit. Sie unterstützen den Waldumbau, nutzen mit der Direktsaat ein vergleichsweise ressourcenschonendes Verfahren und ermöglichen zugleich praktische Umweltbildung.
Die Teilnehmenden erleben den Wald nicht nur als Kulisse. Sie bewegen sich auf weichem Waldboden, arbeiten gemeinsam an einer konkreten Fläche und erfahren unmittelbar, wie viel Zeit, Pflege und Geduld die Entwicklung eines Waldes benötigt. Durch die Begleitung des Forstbetriebes lernen sie, warum bestimmte Baumarten ausgewählt werden und welche Chancen und Risiken mit den verschiedenen Maßnahmen verbunden sind.
Weil die Waldretteraktionen bereits seit 2021 stattfinden, wird Waldentwicklung dabei nicht nur erklärt, sondern über mehrere Jahre hinweg sichtbar und nachvollziehbar. Einige Teilnehmende kehren wiederholt zurück und können beobachten, wie sich die gemeinsam bearbeiteten Flächen verändern.
Wer selbst einen Baum gepflanzt oder eine Eichel in die Erde gelegt hat, entwickelt häufig eine besondere Beziehung zu diesem Ort. Die Erinnerung an die gemeinsame Arbeit, die Gespräche und die gegrillten Würste nach dem Einsatz bleibt mit der Fläche verbunden. Besonders anschaulich wird die Wirkung, wenn die Teilnehmenden später zurückkehren und sehen, wie aus den damaligen Samen oder kleinen Pflanzen junge Bäume geworden sind.
Nächste Waldretteraktion: Wir säen den Wald von morgen
Vom 7. bis 14. November 2026 findet im Revier Göritz die zweite Waldretteraktion des Jahres statt. Gemeinsam säen wir Roteichen und Esskastanien. Die Einsätze finden täglich von 9 bis 13 Uhr statt. Am Sonntag, dem 8. November, pausiert die Aktion.
Treffpunkt ist an allen Einsatztagen um 9 Uhr am Forsthaus Göritz. Von dort fahren wir gemeinsam zur jeweiligen Einsatzfläche.
Mitmachen können Einzelpersonen, Familien, Initiativen, Schulklassen und Unternehmen. Bitte bringt wald- und wettergerechte Kleidung, Arbeitshandschuhe und – sofern vorhanden – einen kleinen, stabilen Eimer zum Verteilen des Saatguts mit. Spaten werden dieses Mal nicht benötigt.
Nach getaner Arbeit gibt es eine gemeinsame Mittagspause mit einer kleinen Stärkung und Zeit für Gespräche und Fragen.
Die Waldretteraktionen sind ein Kooperationsprojekt des Landesforstbetriebs Sachsen-Anhalt, Revier Göritz, und des Naturpark Fläming e. V.
Anmeldung per E-Mail bei Daniela Jännsch unter daniela.jaennsch@naturpark-flaeming.de.
